Predigten in bewegenden Zeiten (6) Ostersonntag | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am So., 12. Apr. 2020 08:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Lied am Ostermorgen

Wir stehen am Morgen. Aus Gott ein Schein
durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein.
Erstanden ist Christus. Ein Tanz setzt ein.

Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist,
der Reigen des Christus, voll Kraft und Geist,
der Tanz, der uns alle dem Tod entreißt.

An Ostern, o Tod, war das Weltgericht.
Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht.
Wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht.

Wir folgen dem Christus, der mit uns zieht,
stehn auf, wo der Tod und sein Werk geschieht,
im Aufstand erklingt unser Osterlied.

Am Ende durchziehn wir, von Angst befreit,
die düstere Pforte, zum Tanz bereit.
Du selbst gibst uns, Christus, das Festgeleit.

Jörg Zink (EG.E 5)

Gedanken zum Mitdenken für den Ostersonntag
von Manfred Naujeck (MaNa) und Ulrich Hutter-Wolandt (HuWo)

Hu-Wo: Unser Osterfest 2020 ist ein völlig anderes, so etwas haben wir nicht einmal im Krieg und in der Nachkriegszeit erlebt, erzählen mir die Älteren in unserer Gemeinde. Geschlossene Kirche, kein Hereintragen der Osterkerze in den festlichen Gottesdienst in der Osternacht oder im Familiengottesdienst, kein Abendmahl im Gottesdienst, kein Kerzenanzünden im Gottesdienst als Zeichen, dass Jesus auferstanden ist. Und gerade weil wir das im Augenblick nicht gemeinsam in Gottesdienst bekennen können, rufe ich in unsere Herzen hinein: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Vielleicht sprechen Sie diesen tröstlichen Satz beim Hören der Glocken unserer Trinitatiskirche am Ostersonntag um 10.00 Uhr bei sich zuhause nach. Und sie werden merken, dass wir Christinnen und Christen miteinander verbunden sind.

MaNa: ,,Christus ist auferstanden. - Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Auf diesen traditionellen Ostergruß aus der orthodoxen Kirche hat Ulrich Hutter-Wolandt zu Beginn seiner Predigtgedanken hingewiesen. Priester und Gemeinde rufen sich diese Mut machenden und Hoffnung stiftenden Worte zu. „Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Ein Brauch mit dem Ostern als das Fest der Freude beginnt.

HuWo: Doch von solcher Freude ist im Osterevangelium bei Markus im 16. Kapitel nichts zu spüren:

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, zusammen mit Salome wohlriechende Öle, um den Leichnam Jesu zu salben. Sehr früh am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg zum Grab. Es war der erste Tag der neuen Woche, und die Sonne ging gerade auf, als sie dort ankamen. Unterwegs hatten sie zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?« Doch als sie jetzt davor standen, sahen sie, dass der Stein – ein großer, schwerer Stein – bereits weggerollt war. Sie betraten die Grabkammer und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen. Die Frauen erschraken; er aber sagte zu ihnen: »Ihr braucht nicht zu erschrecken! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Geht nun zu seinen Jüngern und sagt zu ihnen, auch zu Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch angekündigt hat.‹« Zitternd vor Furcht und Entsetzen verließen die Frauen das Grab und liefen davon. Sie hatten solche Angst, dass sie niemand etwas von dem erzählten, was sie erlebt hatten. (NGÜ)

Mit der Flucht der Frauen, mit Zittern, Entsetzen und Furcht endet die Ostererzählung im Markusevangelium (Mk 16,8). Wie soll man eigentlich auch anders reagieren auf ein offenes Grab, einen verschwundenen Jesus von Nazareth und die Ankündigung eines Engels, man werde einem Toten begegnen auf dem Weg nach Galiläa?

Zweitausend Jahre später aber haben wir uns an die Botschaft der Auferstehung längst gewöhnt. Wir kennen die Begriffe, unterscheiden „Auferweckung“ und „Auferstehung“, alle Jahre wieder grüßen wir uns liturgisch mit dem Ostergruß „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“. Und die bisherigen Abläufe unseres Osterfestes waren immer die gleichen: nach der Osternacht folgt ein gemeinschaftliches Frühstück und zur gewohnten Gottesdienstzeit um 10.00 Uhr anschließend der Familiengottesdienst mit anschließendem Ostereiersuchen in der Kirche für die Kinder. Furcht und Entsetzen, von dem in der Geschichte aus dem Markusevangelium die Rede ist, sind in diesem Jahr besonders nahegehend: wie können wir die Osterfreude in den Tagen der Krise tatsächlich feiern und die Freude der Osterbotschaft miteinander teilen? Doch wo Erschrecken und Zweifel Raum bekommen, kann das Staunen über eine Botschaft groß werden, über die wir nicht einfach verfügen können, sondern auf die wir immer wieder neu zugehen und mit dem Engel festhalten können: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Nur noch einmal gesagt: von Freude war damals bei den Frauen nichts zu merken, keine Jubelrufe, kein Halleluja. Nur blankes Entsetzen.

MaNa: Ostern beginnt in der Dunkelheit, beginnt in der Nacht unserer tiefsten Trauer, beginnt mit einem Entsetzen und einer tiefen Verunsicherung. Die Frauen tappen im Dunkeln. Sie wollen dem toten Jesus nahe sein, ihre Totenklage halten, wie es Brauch ist und wie es sich geziemt. Sie wollen ihn salben und ihm ihre Liebe erweisen, in aller Pietät. Denn das ist das Letzte, was man für einen Menschen tun kann. Denn auch sie glauben an die Macht des Todes, an die Endgültigkeit, die in ihm steckt. Auch sie stehen vor einer schwarzen Wand, wie alle, die den Tod eines lieben Menschen zu beklagen haben, ob als Kriegsopfer oder im Straßenverkehr oder auf der Intensivstation eines Krankenhauses oder wo immer Menschen um ihre Liebsten weinen. Ihnen bleibt nur die wehmütige Erinnerung an den Verstorbenen. Wer die Nacht der Trauer kennt, der weiß auch um die Dankbarkeit für das erste Licht des Tages, wenn die Sonne aufgeht. Die Nacht der Tränen und der Sorgen, der trüben Gedanken durchbrochen wird. Am Horizont zeigt sich mehr als nur ein Silberstreif. Das Osterlicht bricht herein. „Der schöne Ostertag, ihr Menschen, kommt ins Helle!“ Die Frauen am Grab finden das Licht, das ihr Leben hell macht. Mitten in ihre Traurigkeit und ihr Ratlosigkeit tritt der lebendige Gott in ihr Leben. Erfahren sie, was sie nicht begreifen können. Noch in tiefer Trauer wird in ihnen eine Hoffnung geboren, eine Perspektive, die ihr Leben verändert.

Mit Zittern und Entsetzen nehmen die Frauen am ersten Ostermorgen die Botschaft von der Auferstehung auf. Verständlich ist dieses Erschrecken über die Engelsbotschaft, welche einen Auftrag beinhaltet. „Geht nun zu seinen Jüngern und sagt zu ihnen, auch zu Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch angekündigt hat.“ Mit den Jüngern und Petrus in ihrer Mitte sollen sie den Weg nach Galiläa gehen, in die Region an den Ufern des See Genezareth, dort, wo sie zu Hause sind, dort wo Jesus wirkte. Der Osterbotschaft folgen heißt also für die Frauen, für die Jünger Jesu, die Spur des Reiches Gottes aufnehmen, von dem Jesu Wirken zeugt.

 HuWo: Ostern spornt uns an, setzt uns in Bewegung, hat Folgen für unser Leben. So wie die Frauen und anschließend die Jünger wieder in ihren Alltag gewiesen werden, so trifft dies auch für uns zu. Wir sollen jetzt angesichts der Corona-Krise nicht in Schockstarre verfallen, sondern – soweit es geht – aktiv werden so wie es die Menschen damals in den biblischen Ostergeschichten auch wurden. Wir dürfen seit Ostern das Leben feiern weil Jesus Christus der Lebendige immer an unserer Seite ist auch in Zeiten der Pandemie und der Trauer über verstorbene Menschen in unserem Land und auf der ganzen Welt. Der Auferstandene ist unter uns, dort wo wir wohnen, leben und arbeiten. Er begegnet uns dort, wo Menschen uns brauchen, gerade jetzt in diesen schwierigen Corona-Zeiten: ein tröstendes Wort, einen Anruf, Unterstützung beim Einkaufen, ein aufbauender Brief, eine Videokonferenz mit den Kindern und Enkeln. Überall, wo Menschen auf andere zugehen immer respektvoll, z.B. im solidarischen Abstandhalten, überall ist der Auferstandene gegenwärtig. Dort wo die Liebe aufblüht, da beginnt Ostern, weil nämlich Liebe und Fürsorge stärker sind als der Tod. Im österlichen Glauben sind wir gehalten und getragen in allen Abgründen von Schmerz und Sinnlosigkeit unseres Lebens. Glaubend vertrauen wir der göttlichen Liebe, weil wir über alles Grauen, über alle Not aufstehen können und den Schritt wagen können, über unser Leiden und unsere Schmerzen hinaus zu gehen. Die österliche Botschaft nimmt uns zwar nicht einfach den Schmerz und das Leid. Sie schenkt uns vielmehr Kraft, sie zu tragen und damit zu leben.

Und wer sich auf die verwandelnde Kraft des österlichen Glaubens einlässt, der wird offen und bereit, sich von der Liebe ergreifen zu lassen. Der wird befähigt, über allen Schmerz und das persönliche Leid in dieser Corona-Krise hinaus die Liebe zur alles durchdringenden Grundhaltung seines Lebens zu machen. Denn mit dem österlichen Glauben wohnt unserem Leben eine alle Not und Angst übersteigende Kraft inne, die unser Wachsen und Werden begleitet und leitet.

MaNa: Vor ein paar Jahren war ich in der Osterzeit einmal in Herrnhut im Zittauer Gebirge. Dort habe ich erfahren, dass die Herrnhuter Brüdergemeine sich am frühen Ostermorgen in ihrem schlichten weißen Kirchsaal versammelt. Sie hört dort die Namen der im letzten Jahr Gestorbenen und antwortet darauf: „Der Herr ist auferstanden!“ Dann ziehen sie mit Gesang und Posaunenspiel zum vor dem Ort gelegenen Friedhof und singen über den schlichten gleichmäßig gestalteten Gräbern ihre Loblieder. So erwarten sie den Aufgang der Sonne. Und sie wissen: Wir sind gemeint zu Ostern.

Liebe Schwestern und Brüder! Wir sind gemeint. Die Osterbotschaft gilt uns. Des sind wir gewiss. Sie hat Folgen für unser Leben und für unser Sterben. Denn, so hat es Paulus im Römerbrief auf den Punkt gebracht: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Das ist im Wesentlichen die Osterbotschaft, und sie macht unsere Herzen froh und fröhlich. Wir dürfen lachen und jubeln vor Freude, denn an Ostern hat der Tod verloren und wird ausgelacht. Das Osterlachen ist wie der anfängliche genannte Ostergruß eine feste Tradition, bei der die Gemeinde in der Predigt zum Lachen gebracht werden soll, z.B. mit einem Witz, wie diesem:

Der Superintendent visitiert die Gemeinde und besucht den Konfer. Weil es kurz nach Ostern ist, fragt er Thomas: "Du hier vorne - was weißt du von dem Stein vor Jesu Grab, der plötzlich verschwunden war?" Thomas beeilt sich schnell zu sagen: "Ich war es nicht." Der Superintendent blickt hilflos zum Pastor. Der pflichtet Thomas bei: "Ich glaube auch nicht, dass er es war." Kopfschüttelnd verlässt der Superintendent den Unterricht.

Am nächsten Tag trifft er den Oberkonsistorialrat, der für den Konfirmandenunterricht zuständig ist, und berichtet ihm die ganze Geschichte. Sagt der nach kurzem Überlegen: "Ich glaube, der Pastor war's." Der Superintendent ist verzweifelt.

Als er am nächsten Tag den Bischof trifft, erzählt er ihm, was vorgefallen ist. Nachdem dieser die Geschichte gehört hat, denkt er kurz nach, zückt sein Portemonnaie, drückt dem Superintendenten 50 Euro in die Hand und sagt: "Dafür können Sie doch bestimmt einen neuen Stein kaufen."

Wir wünschen von Herzen ein frohes und fröhliches Osterfest. Amen.


Lasst uns beten:

Allmächtiger Gott, durch den Tod deines Sohnes hast du die Sünde und den Tod überwunden.
Durch seine Auferstehung hast du uns das ewige Leben gegeben.
Dafür sagen wir dir Dank.

Wir bitten dich heute für alle, die unter der Macht des Todes leiden, für die Kranken auf den Intensivstationen und für die Sterbenden, für die Menschen, die hungern oder Gewalt erleiden. Zeige uns Wege, ihr Leid zu mindern.

Wir bitten dich für alle, die versuchen, gegen die Macht des Todes anzukämpfen,
für die Menschen in sozialen und pflegerischen Berufen, die sich der Kranken und Sterbenden annehmen, für die PolitikerInnen, dass sie imstande sind, zu helfen. Gib, dass ihre Hilfe Hoffnung schöpfen lässt.

Für uns selbst bitten wir, dass wir nicht müde werden, immer wieder gegen die Macht des Todes in unserem Leben und in dem Leben anderer Menschen anzugehen.

Wir bitten dich für unsere Verstorbenen, dass du sie teilhaben lässt an der Auferstehung deines Sohnes.  Durch ihn loben und preisen wir dich, lebendiger Gott.

Durch ihn beten wir dich an, heute und immer, in alle Ewigkeit.

 

Lied: EG 116, 1-5 Er ist erstanden

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