Predigten in bewegenden Zeiten (5) Karfreitag | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht am Fr., 10. Apr. 2020 08:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Superintendent Carsten Bolz - Karfreitag 10. April 2020

Karfreitag 2020 – im Zeichen von Corona

aus Psalm22 (nach Matthäus betete Jesus am Kreuz diesen Psalm der Verlassenheit)

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
4 Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
5 Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
6 Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
8 Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
9 »Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

Evangelium: Matthäus 27,33-54

Predigttext: 2. Kor 5,19-21

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Predigt: „Gott war in Christus...“ – mit Gedanken von Dietrich Bonhoeffer

Liebe Gemeinde,

gestern jährte sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 75. Mal. Am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Sein Nachdenken in schwerer Zeit mischt sich hinein in mein Denken in schwerer Zeit. Ganz anders war die Bedrohung, der Bonhoeffer ausgeliefert war – und doch war es auch eine kaum absehbare Bedrohung des Lebens. Bonhoeffer war sich dessen sehr bewusst – und hat nicht überlebt. Aber sein Nachdenken, sein Getragen-Sein von einem festen Vertrauen auf Gott hat überlebt, trägt sich in seinen Schriften bis zu uns – auch in die Bedrohung unserer Tage: Corona mit all seinen ungeahnten Herausforderungen.

An diesem Karfreitag denke ich an eine Predigt von Bonhoeffer, die er am 9. April(!) 1938 anlässlich der Konfirmation von drei Jungen aus dem familiären Umfeld auf dem Gut der Familie Kleist-Retzow gehalten hat. Als Predigttext diente ihm der Vers aus dem Markus-Evangelium, der uns im Jahr 2020 Jahreslosung ist: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) Mit seiner Predigt wollte Bonhoeffer die Jungs auf die Bedrohungen vorbereiten, mit denen er wachen Sinnes 1938 gerechnet hat. Er kommt in seiner Predigt zu einer für mich irritierenden Sicht dieser Bedrohungen, dieses vorhersehbaren Leidens, auf das sich die Jungs einstellen sollten. Er schreibt:

„Euer Glaube wird geprüft werden durch Leid. Ihr wisst noch nicht viel davon. Aber Gott schickt seinen Kindern das Leid gerade dann, wenn sie es am nötigsten brauchen, wenn sie allzu sicher werden auf dieser Erde. Da tritt ein großer Schmerz, ein schwerer Verzicht in unser Leben, ein großer Verlust, Krankheit, Tod. Unser Unglaube bäumt sich auf. Warum fordert Gott das von mir? Warum hat Gott das zugelassen? Warum, ja warum? das ist die große Frage des Unglaubens, die unseren Glauben ersticken will. Keiner kommt um diese Not herum. Es ist alles so rätselhaft, so dunkel.

In dieser Stunde der Gottverlassenheit dürfen und sollen wir sprechen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Ja, lieber Herr, auch im Dunkeln. Auch im Zweifel, auch in der Gottverlassenheit. Lieber Herr, du bist ja doch mein lieber Vater, der alle Dinge zu meinem Besten dienen lässt. Lieber Herr Jesus Christus, du hast ja selbst gerufen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Du wolltest sein wo ich bin. Nun bist du bei mir. Nun weiß ich, dass du auch in der Stunde meiner Not mich nicht verlässt. Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.“ [1]

 

„Gott schickt seinen Kindern das Leid gerade dann, wenn sie es am nötigsten brauchen, wenn sie allzu sicher werden auf dieser Erde.“

Dieser Satz irritiert mich, entspricht nicht dem Bild, das ich von Gott habe, dem Bild, das mir Christus von Gott vermittelt. Und doch lässt er mich fragen, ob da etwas dran wäre, ob sich diese Zeit des Leidens und der Entbehrung auch so deuten ließe. Ging es uns zu gut? Hatten wir eine neue Ausrichtung nötig? Brauchten wir dieses große STOPP, weil wir es alleine nicht hinbekommen haben, uns zurückzunehmen, weniger Energie zu verbrauchen, das Klima zu schonen, besser für Gerechtigkeit und mehr Zusammenhalt zu sorgen? Ich hadere mit diesem Gedanken und kann ihn nicht zu Ende denken. Würde ja auch bedeuten, dass die Menschen in Norditalien oder in Spanien dies Leid noch viel dringender benötigten als wir. Und wo wäre dann Gott darin? Nein, das kann ich nicht glauben. So ist Gott nicht für uns da. Gott schickt das Leid nicht, weil wir es brauchen.

Aber Gott lässt uns mit dem Leid auch nicht allein – selbst wenn das uns zuweilen so scheinen mag. Jesus am Kreuz betete mit Psalmworten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – und wie vielen ist heute auch so zumute! In unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen; in der ungewohnten Enge familiärer Zwangsgemeinschaften; in der Einsamkeit einer Großmutter ohne die Enkel an Ostern; vor den verschlossenen Türen von Laib&Seele; in den wirtschaftlichen Nöten eines Kleinunternehmers, ... Da tritt ein großer Schmerz, in unser Leben, ... Warum fordert Gott das von mir? Warum hat Gott das zugelassen? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Am Kreuz hat Jesus so gefragt, geklagt, gebangt. Erst später haben andere darunter auch Gottes Zusage entdecken können. Paulus zum Beispiel, wenn er schreibt: „Gott war in Christus!“ Gott war nicht irgendwo fern von Golgatha – Gott war in Christus! Gott hielt sich nicht raus aus dem Leiden – Gott war in Christus! Gott war mit dabei, hat mit gelitten, hat mit gefragt, geklagt, gebangt!

Ja, auch im Dunkeln. Auch im Zweifel, auch in der Gottverlassenheit. Lieber Herr Jesus Christus, du hast ja selbst gerufen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Du wolltest sein wo ich bin. Nun bist du bei mir. Nun weiß ich, dass du auch in der Stunde meiner Not mich nicht verlässt.

Diesen Gedanken nehme ich von Dietrich Bonhoeffer mit in diesen Karfreitag, diese nachdrückliche Erinnerung daran, dass Gott sich aus dem Leiden nicht raushält, sondern es mitträgt, bei uns ist – auch wenn wir das jetzt noch kaum fassen können – dass Gott sogar aus diesem Leiden Gutes wachsen lassen kann: wie aus einem Weizenkorn, dass in der Erde sterben muss, damit Neues daraus wachsen kann. Und wieviel Neues ist in diesen Tagen tatsächlich schon gewachsen – an Zusammenhalt, an Kreativität, an Hoffnung stiftenden Taten! Einmal mögen uns die Sinne auch dafür wach werden, wenn wir dies Tal der Tränen durchschritten haben. Ja, ich ahne, Gott ist mit uns – auch in diesen Tagen, die für mich die dunkelsten sind, die ich je erlebt habe. Ja, ich ahne, Gott will sein, wo ich bin, und so bete ich voller ratlosem Vertrauen die Glaubenssätze von Dietrich Bonhoeffer, die er im Gefängnis in Tegel im Jahr 1943 geschrieben hat. Vielleicht mögen Sie mitbeten:

 

Ich glaube, dass Gott aus allem,
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben
müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Amen.

 

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt –
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 98)

Mit Segensgruß zum Karfreitag
Ihr

Superintendent Carsten Bolz

 

 

 

[1] Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 476-481

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