Predigten in bewegenden Zeiten (2) | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am Do., 26. Mär. 2020 11:54 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet

Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pfarrer Manfred Naujeck.


Gebet zum Sonntag Judica nach Psalm 43

Herr Gott, tritt für mich ein.
Nimm meine Sache in deine Hand und führe alles gut hinaus.
Bewahre mich vor der Unaufrichtigkeit der Menschen.
Treulos sind sie und herzlos.
Sie halten nicht zu mir, wenn es darauf ankommt.
Unbewegt sehen sie meine Tränen.
Dein Licht falle in mein Dunkel,
deine Wahrheit decke alle Unwahrheit auf.
Beides, Herr, Licht und Wahrheit, will ich suchen in deinem Haus.
Kommst du zu Wort bei mir,
so findet die Verzweiflung ein Ende
und die Hoffnung einen neuen Anfang.
Ich will dich preisen für deine Hilfe, Gott,
gemeinsam mit allen anderen, die dir in deinem Hause lobsingen. Amen.

Peter Klever: Wie ein Baum gepflanzt am Wasser, ABC Verlag Hannover 2005.

Predigt für den 29. März 2020, Judica (Hebräer 13, 12-14), Pastor Manfred Naujeck

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Nichts bleibt wie es ist. Wir spüren es in diesen Tagen, wie sich unser Leben verändert, wie es sich anders anfühlt. Vieles, was wir an liebgewonnen Umgangsformen pflegten: vorbei! Keine herzlichen Umarmungen, kein Händeschütteln, keine sonst so gesuchte Nähe: vorbei! Auf viele geliebte Gewohnheiten müssen wir zur Zeit verzichten. Kein Besuch von den Kindern und Enkelkindern. Wie schade! Keine Zusammenkünfte im Freundeskreis. Selbst Geburtstagsfeiern fallen aus. Und auch in der Gemeinde steht fast alles still. Seit dem Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende wir am 8. Mai denken wollen, hat es dies wohl nicht gegeben – auch keine Gottesdienste. Wie vermisse ich bereits jetzt den Klang der Orgel und das gemeinsame Singen und Beten. Ich weiß wohl, dass wir uns im Geiste miteinander verbinden können, von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, dass wir als Gemeinde Jesu Christ im Hören auf das Wort der Bibel Nähe und Gemeinschaft erfahren dürfen. Und so möge es auch jetzt sein, da wir uns den Predigttext für den Sonntag Judica, dem 5. Sonntag in der Passionszeit anschauen.

Darum hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tors gelitten. Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.  (Hebräer 13, 12-14 Neue Zürcher Bibel)

Unser Bibelwort verheißt uns eine Zukunft. Eine sehr gute Zukunft. Von Gott kommt sie her, bei Gott ist sie zu finden. Eine Sehnsucht, eine Hoffnung die auch gerade jetzt in diesen Tagen unser Herz bewegt. Ein Gedanke, der uns nicht lähmt, da unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, da wir unseren Gottesdienst nicht in der Kirche feiern dürfen. Ich bin erfreut darüber, wie viel Kreativität Menschen in den unterschiedlichsten Kirchengemeinden entwickeln. Im Internet auf der Seite unserer Landeskirche (www.ekbo.de) oder bei Twitter unter #wirsindda können wir die vielen Angebote verfolgen. Das gehört zu unserem Auftrag und zu unserer Aufgabe, neue Wege zu suchen, die uns zu den Menschen bringen, die uns dringend brauchen. Für unser Bewusstsein von Gemeinde kann das ein wichtiger Prozess und eine gut Erkenntnis sein, dass wir uns nach draußen bewegen, vor das Lager, vor die Stadt. Heraus aus unseren manchmal auch so eingefahrenen Gewohnheiten und Traditionen. Vielleicht ist da diese Krise auch eine Chance, eine Situation, die uns zum Umdenken bringt. Und zu der Erkenntnis: Wir haben hier keine bleibende Stadt. Dieses Leben ist vergänglich mit allem, was es ausmacht, was wir planen und bauen, erwünschen und erstreben. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Alles, was wir tun, steht unter diesem Vorzeichen. Wir können ein Haus bauen, und das wird es nach uns geben. Wir können Kinder und Enkel und Urenkel haben und die wird es nach uns geben. Wir können versuchen, von unseren Erfahrungen etwas weiterzugeben. Und doch – all das, was wir an bleibendem schaffen können, steht ja selbst unter dem Vorbehalt, dass es vergänglich ist. Auch ein Haus wird einmal zu alt und umgebaut oder gar abgerissen. Auch unsere Nachkommen werden einmal sterben. Und von uns bleibt nur bestenfalls eine schwache Erinnerung.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Ja, da gibt es etwas nach dem Hier und Jetzt. Unser Predigttext sagt uns zu: nach dem Tod gibt es eine Zukunft. Und es wird sogar eine Stadt sein. Wir werden zusammenleben. Am Ende der Bibel heißt es vom himmlischen Jerusalem, dass es dort keinen Tempel mehr gibt, weil Gott überall ist. Das heißt, dann in der Ewigkeit werden wir Menschen wirklich erfüllt sein von Gott. Wir werden erfüllt sein von der Fülle der Liebe, der alles überwindenden Kraft der Hoffnung und der Berge versetzenden Kraft des Vertrauens.

Hier in diesem Leben lernen wir notgedrungen, misstrauisch zu sein. Wir haben ja schließlich zu viele schlechte Erfahrungen gemacht mit anderen Menschen. Auch jetzt versuchen Betrüger die Corona-Krise auszunutzen und mit dem sogenannten Enkeltrick („Ich bin infiziert und brauch Geld“) ältere Menschen abzuzocken. Hier in diesem Leben lernen wir notgedrungen, uns zu verschließen für andere Menschen, denn sie verletzen uns so oft. Hier in diesem Leben lernen wir, ängstlich und zynisch zu sein und anzunehmen, dass die Lage immer nur schlechter wird.

Vor uns aber liegt Gottes Zukunft. Und das Erstaunliche ist: diese Zukunft Gottes kommt uns jetzt schon entgegen. Diese Zukunft Gottes kommt schon jetzt in unsere Herzen und verändert uns. Jetzt schon gibt es Lichtfunken aus der Ewigkeit, die unser Herz hell machen und Dunkel und Grauheit vertreiben. Jetzt schon lernen wir, neu zu lieben und uns zu öffnen. Jetzt schon – ja, gerade auch in dieser nicht wirklich überschaubaren Krise, lernen wir, neu zu hoffen und die Angst zu überwinden. Jetzt schon lernen wir, neu zu vertrauen und das Misstrauen abzulegen. Ältere Menschen trauen den Hilfsangeboten der Jüngeren und sind bereit für sich einkaufen zu lassen.

Liebe Gemeinde, wenn wir unser Leben betrachten, dann gilt immer beides. Wir verschließen uns – und manchmal gelingt es uns, uns zu öffnen für neue Liebe. Wir igeln uns ein in Angst und Zynismus – und manchmal gelingt es uns, neue Hoffnung zu fassen. Wir sind misstrauisch gegenüber anderen Menschen, einfach weil sie so anders sind – und manchmal gelingt es uns, aufeinander zuzugehen, Brücken zu bauen, uns zu verständigen über Unterschiede hinweg.

Dieses manchmal – Wir Christinnen und Christen wissen das: dieses manchmal heißt Heiliger Geist. Gott wirkt in uns, oft ohne dass wir es merken. Aber im Nachhinein spüren wir: da ist etwas Tolles passiert. Etwas Unerwartetes. Etwas, das meine Lebendigkeit fördert. Eine neue Lebendigkeit mitten in der Vergänglichkeit. Ein neues Miteinander mitten in dem Jeder-Für-Sich. Eine neue, zukünftige Stadt eben, die jetzt schon anfängt.

Liebe Gemeinde, unser Predigttext fordert uns auf, nach draußen zu gehen, uns nicht einzuigeln. Nicht nur voller Angst nach unten zu sehen. Nicht nur auf den eigenen Weg zu sehen. Wir sollen den Blick heben. Wir sollen anderen Menschen ins Gesicht schauen, auch wenn wir uns jetzt noch in körperlicher Distanz üben müssen. Wir sollen eine neue Gemeinschaft werden, in der über alle Grenzen hinweg, die Liebe und die Geschwisterlichkeit deutlich spürbar wird, wo einer auch schon mal zugunsten einer anderen verzichtet, wo niemand mehr nur auf seinen Vorteil achtet. Wo dieses geschieht wird die zukünftige Stadt schon sichtbar.

Liebe Gemeinde! Draußen außerhalb des Tores ist Jesus gestorben. Deshalb sollen auch wir nach draußen gehen, um seine Schande mit ihm zu tragen. Das ist das Merkwürdige an der Leidenszeit Jesu und an seinem Kreuz. Aus dem absolut Schrecklichen entsteht etwas Gutes. Aus der brutalen Gewalt entsteht etwas Heilsames. Jesus wurde ausgestoßen, verstoßen, gekreuzigt, links liegen gelassen. Und gerade so hat er sein Volk geheiligt. Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Sondern seine Lebenskraft kam durch seine Auferstehung in diese Welt. Und sie erfasst sogar die Übeltäter.

Auch wir sollen nach draußen gehen. Wir sollen uns nicht nur im eigenen Sumpf schmoren. Die Gemeinschaft, die von Jesus her lebt, muss auf andere zugehen. Wenn wir Jesus richtig nachfolgen wollen, dann dürfen wir uns dem Schlimmen in unserem Leben stellen. Dem, was uns ungerechterweise geschehen ist. Und dem, wo wir nicht richtig gehandelt haben und uns vor uns selbst schämen. Und dann werden wir geheiligt durch Jesus. Er nimmt uns an, die die wir so oft andere ausschließen. Und er beginnt mit uns jetzt schon die zukünftige Stadt. Ein Miteinander, in dem man anders miteinander umgeht.

Wir streben nach der zukünftigen Stadt Gottes, die uns jetzt schon entgegenkommt. Und damit hat unser Leben Ewigkeitswert. Damit ist die Vergänglichkeit schmerzlich, traurig, erschreckend. Aber nicht mehr alles. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Und es macht jetzt schon die Dunkelheit hell und das Grau farbig und bunt und lebendig. Manchmal – da spüren wir es schon jetzt und wissen: Nichts bleibt wie es ist. Aber: Alles wird gut!

Amen.

Lasst uns beten:

Du Gott des Lebens,
wir danken dir, dass du uns in dem Leben und Sterben Jesu deine Nähe gezeigt hast. Das macht uns gewiss, dass wir trotz der schweren Krise, in der wir gerade stecken, trotz der Bedrohung durch Covid-19 die Hoffnung nicht aufgeben müssen, dass du die Welt zum Guten verwandeln willst.

Gib, dass die Menschen um uns herum etwas mehr von dieser Hoffnung merken.

Hilf, dass wir besser lernen, einander Mut zu machen, dass wir den Verzweifelten, den Traurigen, und Kranken besser beistehen können.

Gott, verwandle uns so,
dass wir dir wirklich nachfolgen können,
dass wir barmherziger werden zu all denen, die leiden müssen,
dass wir lieben können, auch da, wo es uns Überwindung kostet.

Verändere deine Kirche, deine Gemeinde so,
dass sie mutig den neuen Wegen in die Zukunft folgt.

Gott, was uns Leben verheißt, ist nicht die Beständigkeit unseres Wohlergehens, sondern die Tatsache, dass Jesus Christus seine Schmach getragen, draußen vor den Toren der Stadt. Dafür danken wir dir. Amen.

 

Lied: Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384)

Kategorien Predigten