...ihre BetreuerInnen und die Gemeinde.

Auf dem Weg zur „demenzfreundlichen“ Gemeinde

Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf findet im Jahr 2010 ein Projektjahr„Unsere Kommune ist demenzfreundlich“ mit vielfältigen Veranstaltungen statt. Der Kirchenkreis Charlottenburg beteiligt sich unter dem Motto „Menschen mit Demenz – unsere Nächsten“. Pfarrerin Marlis Schultke berichtet von Erfahrungen

„Behindertenfreundlichkeit“ ist inzwischen eine anerkannte Norm, eine „demenzfreundliche“ Kommune oder Gemeinde noch weithin Utopie. In diesem Sinne „demenzfreundlich“ wäre eine Gemeinde dann, wenn an Demenz erkrankte Menschen in ihr nicht ignoriert oder ausgegrenzt würden, sondern sie als selbstverständlich dazugehörig gelten und ihnen angemessen als gleichwertig – gleichberechtigten Subjekten begegnet würde.
Damit es soweit kommt, müssen vielfache Ängste und Vorurteile, Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit überwunden werden. Das ist eine alltägliche Aufgabe in jeder Gemeinde, und zugleich ist es jedes Mal eine besondere Aufgabe, weil jeder Mensch eben „anders“ ist und das Miteinander deshalb keine Selbstverständlichkeit. Der Umgang zwischen Menschen mit und ohne Demenz ist vielleicht geradezu eine „Probe auf’s Exempel“, wie sich unser Menschsein als Mit-menschlichkeit in Beziehung realisieren kann.
Gewöhnlich kommunizieren wir über unser Bewusstsein und unseren Verstand. Demenziell Erkrankte sind auf diesen „direkten“ Wegen kaum noch erreichbar, weil sich ihr Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen sowie ihre Selbstwahrnehmung verändert haben. Oft finden sie sich in einer anderen Welt und Zeit, die sich uns nicht von selbst erschließt. Wenn wir sie nur durch das Bild ihrer Krankheit sehen, werden wir sie nicht erreichen.
„Gott bequemt sich dem, zu dem er spricht“ (Herder). Dürfen wir es uns bequemer machen? Das Gebot der Nächstenliebe ist an mich gerichtet, damit ich mich auf den oder die andere einlasse – um der gemeinsamen Menschlichkeit, Mit-menschlichkeit willen.

Auf den Weg kommen
Mich hat der Zufall dahin gebracht, diese Aufgabe überhaupt zu entdecken. Völlig unerwartet kam vor sechs Jahren die Anfrage an mich, Gemeindepfarrerin in Berlin-Charlottenburg, ob ich bereit wäre, Gottesdienste für Demenzkranke zu halten: in unserer großen, hellen und zentral gelegenen Trinitatiskirche, zweimal im Jahr; die Kranken würden gebracht aus Heimen und über Pflegestationen aus dem Bezirk (und darüber hinaus). Nach kurzem Überlegen sagte ich zu – unter einer Bedingung und die wurde sofort akzeptiert: Ja, aber nur zusammen mit der übrigen Gemeinde und zur üblichen sonntäglichen Gottesdienstzeit.
Die übrige Gemeinde kam – die, die aus eigenem Entschluss und auf eigenen Beinen kommen können. Zunächst zögerlich – eher skeptisch als neugierig. Inzwischen selbstverständlich und gern und anteilnehmend. Das sind etwa ein Drittel der GottesdienstbesucherInnen, bei 200 – 300 insgesamt.
Bunt gemischt sitzen Menschen mit und ohne Demenz zusammen, singen und beten, hören Predigt und Musik und feiern Gemeinschaft zwischen Menschen und Gott im Abendmahl. Und das alles in einer wunderbaren, fast unglaublichen Ruhe und Aufmerksamkeit und – ja! – Freude und Dankbarkeit. Die einzelnen Elemente des Gottesdienstes und der Raumgestaltung sind mit Bedacht thematisch und ästhetisch aufeinander abgestimmt, so dass ein Gesamt-Erlebnis für Bewusstsein und alle Sinne entstehen kann – eine Art sinnlicher Spiritualität.
Auf diese Weise, diesem Wege kann der Gottesdienst für die einen wie die anderen gleichermaßen ansprechend werden – und sie auch füreinander achtsam. Auf keinen Fall darf der Eindruck eines Gefälles entstehen, als würde etwas für Menschen mit Demenz veranstaltet, an dem die anderen nur „gnädig-therapeutisch“ teilnähmen.
So darf z.B. die Predigt nicht primitiv wirken, als wollte sie nicht allen etwas sagen. Ich versuche sie durch Dialoge (für zwei Sprecherinnen), erzählend und anschaulich, für die (im Grunde unabschätzbar) unterschiedlichen Hör- und Verstehensmöglichkeiten interessant zu machen. Besonders verbindend wirkt auch die Musik, wenn sie so einfühlsam und in den Gottesdienst eingepasst gespielt wird wie zum Glück von unserer Organistin. Wenn sie in den Zusammenhang passen, eignen sich neben altbekannten Kirchenliedern übrigens ebenso Kinderlieder wie auch Klassiker, z.B. aus Opern, die allen bekannt sind.
Auch die gemischte Sitzordnung fördert das Miteinander und Füreinander. Natürlich ist es für die meisten ungewohnt oder zunächst auch befremdlich, so nebeneinander zu sitzen. Aber es ist jedes Mal anrührend und bewegend, zu welch überraschenden, freundlichen, aufmerksamen Zuwendungen es zwischen Nachbarn kommt – was spielt die Demenz da noch für eine Rolle!

Ein gemeinsamer Aufbruch
Diese Gottesdienste tragen auch dadurch zur „Demenzfreundlichkeit“ bei, weil so viele Menschen daran beteiligt sind, dass sie zustande kommen. Da sind die Helfer und Helferinnen im Gottesdienst, die zum Platz geleiten oder das Abendmahl verteilen. Da sind die Taxifahrer, die PatientInnen bringen und sich wundern, was Sonntagmorgen bei der Kirche los ist – und dann finden, dass das eine gute Sache ist. Und die Pflegekräfte, die z.T. bei diesem Anlass für ihre Schutzbefohlenen unentgeltlich arbeiten – denen Gottesdienste aber meist ferne liegen, entdecken verwundert, wie „menschlich“ so ein Gottesdienst ist und wie sie sich selbst davon berühren lassen. Von all dem bleibt etwas hängen und spricht sich auch weiter herum: Es geht! Menschen mit Demenz mitten unter uns!
Der Gottesdienst – als Feier der versammelten Gemeinde, die ihn gemeinsam, miteinander feiert: als ihre Sache, von ihr gestaltet und zu ihrer Auferbauung – ist vorzüglich geeignet, Gemeinde (auch) auf den Weg der Demenzfreundlichkeit zu bringen. Er ist die zentrale und verbindliche Veranstaltung, in der konzentriert zum Ausdruck kommt, worum es der Gemeinde geht, öffentlich und für alle zugänglich, in sich beweglich-gestaltbar, anpassungsfähig an die Besucher: Alte, Junge, Einzelne und Familien, (noch) Arme und (noch) Reiche, Gesunde und Kranke. So kann Gottesdienst etwas repräsentieren, anschaulich und mit-erlebbar machen, was schon hier und jetzt auf das Reich Gottes verweisen könnte und in unserer Gesellschaft so noch nicht oder nur zufällig vorkommt, aber auch für sie anregend, vorbildlich und lebenswichtig wäre – in unserem Fall, dass Menschen mit Demenz nicht weniger als andere unsere Nächsten sind, denen auch wir nahe sein sollen: so wie es ihnen und uns gleichermaßen guttut.

Marlis Schultke, Pfarrerin in der Trinitatisgemeinde Berlin-Charlottenburg

Studienarbeit vom Pfrn. Marlis Schultke "Gottesdienste mit demenzkranken Menschen für die Gemeinde"
gottesdienstfuerdementeundanderemenschen.pdf [1.427 KB]